Textatelier
BLOG vom: 28.09.2010

Wir denken in Bildern, reden und schreiben aber Floskeln

Autor: Ernst Bohren, Teufenthal AG/CH
 
In den letzten Tagen seines Wirkens als Schweizer Bundesrat hat sich Hans-Rudolf Merz im Nationalrat ausgiebig am Amtsdeutsch gütlich getan. In den Erläuterungen zum eidgenössischen Zolltarif fand er unter anderen Stilblüten ein besonders lohnendes Beispiel: „Ein höherer Zollschutz müsste aus heutiger Sicht in einem Dekonsolidierungsverfahren im Rahmen der WTO aufgrund der Forderungen der Hauptlieferländer durch Zollsenkungen in anderen Tarifnummern und/oder durch ein grösseres Zollkontingent für Rind- und Kalbfleisch kompensiert werden“.
 
Der Magistrat konnte sich bei der Rezitation des Textes aus einem Bundesamt seines Departements (immerhin ist er als Finanzminister auch Vorsteher des Eidgenössischen Zollamts) nur sehr schwer seiner Lachausbrüche erwehren.
 
Dieser Vorfall aus einer Abschiedsvorstellung des Magistraten zeigt auf, wie schlecht es bei Gross und Klein, bei Höher- und Tiefergestellten um die Fähigkeit bestellt ist, anschaulich zu schreiben. Weil wir uns nicht mehr getrauen, zu reden und zu schreiben, wie uns der Schnabel gewachsen ist, flüchten wir uns – vor allem wenn es ums Schreiben geht – in Worthülsen, Floskeln und hochgestochenes Gefasel. Dabei sind wir doch unserer Herkunft gemäss noch immer jene Menschen, die unsere Welt in Bildern erfassen und erst einmal in Bildern denken, bevor wir darüber reden und schreiben. Auch wenn wir heute (scheinbar) voll im digitalen Zeitalter angekommen sind, kann unser sprachlos-intuitives Sprachzentrum noch immer nichts mit blossen Zeichen anfangen.
 
Wer das Wort Birne liest, dem erscheint vor seinem geistigen Auge in den meisten Fällen eine Frucht, zum Beispiel eine reife, aromatische Williamsbutterbirne oder eine Mostbirne, je nach Erfahrungshintergrund und Herkunft. Dem Elektromonteur leuchtet vielleicht eine Glühbirne auf, und der Abbrucharbeiter sieht eine Abrissbirne in voller Aktion. Wenn wir aber den folgenden Text lesen, tut sich in unserem Gemüt erst einmal gar nichts:
 
„Romeo und Julia berührten sich für die Dauer von 60 Sekunden mit den oberen Enden ihrer Verdauungskanäle“.
 
Hat diese Beschreibung eines leidenschaftlichen und langen Kusses bei Ihnen emotional etwas bewegt? Bei mir auch nicht. Denn hier wurden wir mit leeren Worten abgespiesen; es fehlt das anschauliche Bild für unser Gemütsleben. Ein weiteres Beispiel gefällig? Was denken Sie bei der folgenden Umschreibung einer im wirklichen Leben leider oft vorkommenden Tatsache:
 
Die Expansion der Kartoffelknolle verhält sich reziprok proportional zur intellektuellen Kapazität des Agro-Ökonomen“.
 
Könnte es sein, das es sich dabei um die alte Volksweisheit handelt, dass die dümmsten Bauern die grössten Kartoffeln haben?
 
Vor gut 32 Jahren hat uns Zeitungsschreiber beim damaligen Aargauer Tagblatt Walter Hess in seinem Vortrag zum Thema „Anschaulich schreiben“ das im Folgenden zitierte Konstrukt als die dümmste und langweiligste Umschreibung der zwar alten aber träfen Redensart „Morgenstund hat Gold im Mund“ gegenüber gestellt:
 
„Nach Nachtablauf pflegt die Stunde ein gelbliches Edelmetall zwischen den Zähnen aufzuweisen.“
 
Die Engländer halten sich in diesem Thema an das Sprichwort: „The early bird catches the worm“ (Der frühe Vogel kriegt den Wurm). Was mich jedoch beim genaueren Nachdecken (und das sollte man ja nie unterlassen) zur Erkenntnis führt, dass es für den Wurm keinesfalls ratsam wäre, schon zur frühen Morgenstunde vorwitzig aus dem Erdreich zu gucken. Denn gerade dann ist ja der frühe Vogel unterwegs auf seinem Beuteflug.
 
Wie auch immer, ungeachtet, ob manche Sprichwörter den kritischen Vergleich mit der Wirklichkeit nicht immer aushalten: Wir sollten es den Werbern gleichtun; schreiben wir anschaulich! „ Durch das Auge direkt ins Herz“, soll unsere Devise sein. Mit Bildern kommen wir bei unseren Ansprechpartnern allemal besser an als mit blutleeren Phrasen.
 
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